Wir wollen euch noch besser kennenlernen! Wir freuen uns daher, wenn ihr in den nächsten zwei Wochen an unserem KuMu-Zensus teilnehmt und drei Fragen über euch beantwortet: Hier lang!!! :)
(Alle Announcements können mit einem Kreuzchen geschlossen werden, das in der rechten oberen Ecke beim Drüberfahren erscheint.)

Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

Welche Geschichte gefällt dir am Besten?

Umfrage endete am 02.12.2018

Geschichte 1 - Herbststurm
11
50%
Geschichte 2
4
18%
Geschichte 3 - In einem dunklen Spiegel, durch die Tiefe des Sturms
7
32%
 
Abstimmungen insgesamt: 22

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ank
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Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von ank » 12.11.2018

Liebe Kuddelmuddler,

Vielen Dank für die drei tollen Beiträge, die uns zum Thema "Herbststurm" erreicht haben. Alle Beiträge haben es bereits auf's Treppchen geschafft, aber wer gewinnt, wer wird zweiter und wer dritter? Das könnt ihr entschieden.

Vom 12.11. bis 25.11. 02.12. ist Zeit für die Beiträge abzustimmen, die euch von den dreien am besten gefallen haben.

Jeder User hat 1 Stimme. Die Geschichte mit den meisten Stimmen gewinnt.

Viel Spaß,
Euer Wettbewerbsteam

P.S: Wir haben uns entschieden, den Abstimmungsschluss für den Wettbewerb um eine weitere Woche zu verlängern. Wir wünschen uns, das möglichst viele von euch diese schönen Geschichten lesen und dann auch für den Sieger abstimmen können.
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ank
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Re: Geschichtenwettbewerb - Abstimmung

von ank » 12.11.2018

Geschichte 1


Herbststurm

„In drei Stunden zum Mittagessen seid ihr bitte wieder da! Und passt gut auf Niklas auf, in Ordnung?“, rief Ute der Bande hinterher, während Niklas, sein großer Cousin Lukas, dessen Zwillingsschwester und der Nachbarsjunge bereits aus dem Haus eilten. Kalter Herbstwind schlug ihnen entgegen und auch der sechseinhalbjährige Niklas fröstelte ein bisschen, obwohl er mit seinen blauen Winterstiefeln, Strumpfhose unter seine Jeans, warmer gelbschwarzer Regenjacke und Bommelmütze gut gegen das Wetter geschützt war. Aber genau dieses nasskalte Wetter war es, was die Kinder an diesem Vormittag nach draußen trieb: Herbstwind gepaart mit einem Riesendrachen welcher nun in den nächsten Stunden in den Himmel über den endlosen Feldern der Provinz steigen sollte.

Voller Vorfreude lief Niklas Lukas, seinem zwei Jahre älteren Cousin, hinterher und setzte sich auf den hinteren Sitzplatz eines im Innenhof des großen Bauernhofes seiner Tante stehenden Kettcars. Vor ihm nahm sein großer Cousin Platz und steuerte das Gefährt mitsamt dem Anhänger in welchem der Drache und sämtliche Utensilien zum steigen lassen desselben lagen in hohem Tempo über Feldwege in Richtung eines Hügels. Hinter ihnen fuhr Lukas Zwilingsschwester Elisabeth mit dem Nachbarsjungen im zweiten Kart und lieferte sich ein Rennen mit ihrem Bruder. Richtig wild fuhr Lukas, sodass Niklas sich mit den Händen an dessen Sitz vor ihm festklammerte und laut lachen musste, so aufregend war es. So aufregend, dass er nicht einmal mehr merkte, dass er immer noch dringend pinkeln musste obwohl er auf der Autofahrt zum Bauernhof bereits in seine Windel hatte machen müssen.

Seine Tante ihn hatte nach der Hälfte der Autofahrt, sie fuhren grade durch ein kleines Dorf, gefragt, ob er mal aufs Klo müsste, grade noch rechtzeitig. Niklas hatte sich in Lukas Anwesenheit nicht getraut, sich selbst wegen seines dringenden Bedürfnisses zu melden und wollte nun grade erleichtert nicken, als ihm sein Cousin in die Parade fuhr: „Mama, Niklas ist doch kein Baby mehr, wir fahren doch nur eine Stunde!“, hatte er gesagt. Lukas, sein großer Cousin, der in so vielem sein Vorbild war. Kurz hatte Niklas gezögert, dann aber entschlossen mit dem Kopf geschüttelt: „Nö!“, hatte er gesagt.
Wenig später war seine Windel vorne langsam nass geworden doch Niklas ließ sich nichts anmerken, hielt das meiste ein und nahm sich vor, Ute sobald sie da waren zu bitten, ihm die Windel abzumachen damit er den Rest wie der große Junge der er ja eigentlich war ins Klo machen könnte. Vergessen hatte er das, und so saß er nun auf dem Rücksitz des Kettcars, musste dringend pinkeln aber bemerkte es selbst noch nicht. Ausgesprochen ungünstig kam hinzu, dass Niklas Mutter vorhin nichtmehr dazu gekommen war, dessen Tante darüber zu informieren das ihr Sohn infolge seines Pipi-Problems heute zur Sicherheit eine Windel unter seiner Hose anhatte und Ute dementsprechend nichts davon wusste, dass sie besonders auf Niklas hätte achten müssen.

Ausgelassen brüllte Niklas, während Lukas scharf um eine Kurve bog, der Anhänger regelrecht geschleudert wurde und er seine Mütze festhalten musste damit sie nicht vom Fahrtwind weggeweht wurde: „Ihr kriegt uns niemals!“, rief er Elisabeth entgegen, kurz bevor Lukas abrupt die Handbremse zog und das Kettcar schlitternd zum stehen blieb und Elisabeth es ihnen lauthals lachend gleich: „Du verrückter! Der Drachen ist fast aus dem Hänger gefallen!“, kicherte sie gegen den Wind an während Niklas still grinsend aus dem seinem Sitz aufstand und Sekunden später entsetzt feststellen musste, dass es zwischen seinen Beinen auf einmal schlagartig warm und nass wurde. Seine Blase hatte kapituliert nachdem Nikki ihre Signale zu lange ignoriert oder vielmehr überhört hatte und lief einfach über, wie es so oft in letzter Zeit passiert war. Viel sprudelte in die Windel bis Niklas endlich wieder einhalten konnte, jetzt spürte er fast keinen Druck mehr. Kurz schaute er entsetzt an sich herunter und dachte beinahe, nun in einer nassen Hose herumzustehen, bis ihm bewusst wurde, dass sein Unfall sicher in der Windel gelandet war und die anderen Kinder nichts davon mitbekommen werden würden. Noch während der Urin vorne langsam in die Windel einzog, lief er bereits zum Anhänger um Lukas beim zusammenstecken des Drachens zu helfen und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass es vielleicht doch gut war, heute eine Pampers zu tragen.

Interessiert verfolgte er, wie Lukas die vielen Stangen und Stöcke welche den Drachen in seiner Form halten sollten, zusammensteckte und half erfreut mit, als Lukas ihn darum bat, den Stoffteil des Drachens auf der rechten Seite über das Gerüst zu spannen. „Das machst du echt gut, Nikki!“, lobte Lukas ihn und zauberte ein stolzes Grinsen auf das Gesicht des Sechsjährigen. Niklas kniete auf dem Boden, der Wind pfiff um ihn und ließ das Gras auf der Mitte des Feldweges nur so hin und her wirbeln.

„Drei, zwei, eins, los!“, zählte Lukas herunter und Niklas rannte los. Rannte, so schnell er konnte, den Drachen nah über sich an der Schnur haltend, den Feldweg herunter. Obwohl sowohl er als auch der sicherlich zwei Jahre ältere, ihm namentlich nicht bekannte Nachbarsjunge, den Drachen hochziehen wollten, hatte Lukas ihm den Vorzug gegeben und nun wollte er seinen großen Cousin nicht enttäuschen. Seine Schritte überschlugen sich fast, die Plastikaußenseite der Windel rieb an seinen Oberschenkeln doch Niklas rannte weiter, lies langsam immer mehr von der Schnur los und bemerkte selbst gar nicht, wie der Drache immer weiter hochstieg, bis er schließlich die Schnur losließ und erschöpft stehenblieb. Gespannt drehte er sich um, blickte nach oben und sah den Feuerroten Riesendrachen in die Luft aufsteigen und, gesteuert durch Lukas, erste Kreise drehen. Nachdem er kurz Luft geholt hatte, rannte er beinahe so schnell wie er hergelaufen war, zurück zu den Anderen. Gespannt schaute er dem Drachen zu, der immer höhere Kreise zog, immer weiter von ihnen wegflog und dann, nachdem Lukas an den zwei Seilen in seiner Hand zog, wieder ganz nah an sie heransauste. Doch selbst dabei entging ihm nicht, dass er erneut dringend aufs Klo musste. Wenigstens diesmal bemerkte er es. Und es war dringend. Niklas drückte eine Hand vorne gegen seine Hose, so wie er es immer machte, wenn er dringend musste und trotzdem grade den Kopf voll mit anderen Sachen hatte. Eine Zeitlang ging es gut, dann wurde er langsam hibbelig, tippelte vom einen Bein aufs andere. „Nikki, musst du mal pullern?“, fiel es zuerst Elisabeth auf. Niklas nickte peinlich berührt und schaute ängstlich zu seinem großen Cousin um zu schauen, wie er wohl reagieren würde. Garnicht. War wie Niklas bis vor einem Moment noch mit dem Drachen beschäftigt.

„Pinkel einfach gegen den Baum da!“, riet ihm seine Cousine und zeigte auf die drei Bäume die in einiger Entfernung zu ihnen am Wegesrand standen und ihre Äste in den Wind streckten.

Niklas schüttelte den Kopf und murmelte: „Will nich“, er wollte viel lieber schnell zum Haus zurückfahren. Er musste sich ja erstmal von seiner Tante die Windel abmachen lassen, bevor er pinkeln konnte.

„Ist doch nichts dabei, wir schauen auch weg!“, versuchte Elisabeth ihn zu überzeugen: „Außerdem haben wir den Drachen doch grade erst hochbekommen!“

„Ach Nikki, du bist doch ein großer Junge, ist doch voll einfach“, schaltete sich nun auch Lukas in das Gespräch ein um ihn zu überreden während er seinen Blick nicht vom Drachen abwand. Elisabeth klopfte Niklas aufmunternd auf den Rücken und der Sechsjährige ging, immer noch eine Hand vorne gegen seine Windel drückend um einzuhalten, zu den Bäumen und wusste nicht so recht, was er jetzt tun sollte. Wenig später stellte er sich so zwischen die Bäume dass die anderen ihn nicht sehen konnten und fing an zu pullern. Ohne die Hose zu öffnen, wieder in seine Windel. Vor einen Baum gestellt, als würde er grade an jenem sein Geschäft erledigen wie ein großer Junge. Diesmal stoppte er nicht, sobald der Harndrang wieder einigermaßen erträglich geworden war sondern strullerte solange, bis alles aus ihm raus war und seine Windel nicht nur vorne sondern auch zwischen seinen Beinen heiß und nass geworden war. Nachdem er seine Notdurft beendet hatte und ihn eine wohlige Welle der Erleichterung durchfuhr, blickte er misstrauisch an sich herab und befühlte die Vorderseite seiner Hose. Alles trockengeblieben. Niemand würde bemerken, dass er sich schon wieder in die Hose gemacht hatte, nur er selbst spürte es.
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ank
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Re: Geschichtenwettbewerb - Abstimmung

von ank » 12.11.2018

Geschichte 2

Mitten auf dem Platz im Kreisel saßen wir uns gegenüber und es stürmte und regnete und sicher war es ein Tag im November.

Auf deiner Seite ging es zur Autobahn, auf meiner ganz woandershin ("War es schon vorher kalt zwischen uns?", möchte ich dich heute gerne fragen). Vor dem Regen schützte uns ein Klettergebüsch, ringsherum und hoch gewachsen, laubenganggleich, über unsere Köpfe hinweg. "Dornröschenzaun" hast Du dazu gesagt, das weiß ich noch. Es dämpfte kaum den auf- und abschwellende Lärm einer Stadt im Herbst, kaum von uns entfernt, eine Mischung aus Autokrach, Regen und Wind. Waren die Autos für einen Moment ruhiger, hörte man ihn das Laub verwirbeln.

"Niemand kann uns sehen", sagtest Du noch.

Wir beide waren froh, genau hier zu sein ("Sag, stimmt es?", mag ich dich fragen und auffordernd angucken), vielleicht gerade weil es albern war, sich genau hier zu treffen, in der Mitte zwischen unseren Städten. Deine war alt, bräsig, katholisch und das gefiel mir; meine versprach Freiheit vor deinem Alltag (ich glaube, dass dir das gefiel). Hier wohnte nur, wer es sich nicht woanders leisten konnte oder weil Oma noch etwas Bauland hatte; dort wo früher die Apfelbäume blühten, hinter den Bahngleisen. Bald würden wir wieder fort sein, in unseren Städten oder vielleicht doch bei dir, nur für ein paar Stunden --

Wir spielten wieder dieses dumme Spiel.

Ich wollte wieder dieses dumme Spiel spielen. "Erzähl mir ein Geheimnis", wollte ich sagen. Und traute mich nicht. Zum Zweifeln aber hatte ich Mut: Wäre es nicht ein Trick, um Nähe herzustellen? Geschichten erzählen, die persönlich sein sollen und nicht ohne Superlativ auskommen, Erzählungen vom Peinlichsten, von Noch-Nies und dem Verstecktesten. Ich wollte etwas hören, von dir etwas hören, das mich meint, das dich für mich erzählt, ausgesprochen in fleischroher Verletzlichkeit. Hat es etwas unaufrichtiges, die Teilnahme an so einer Erzählung einzufordern? Ist es ein dummes Spiel? Gar brutal? ("Was gibt es sonst?", würde ich gerne jemandem, vielleicht dir, zuflüstern, kaum verständlich, weggenuschelt.) Und traute mich nicht.

Aber Du sagtest damals, als ich den Autos und dem Regen zuhörte und schwieg: "Komm, erzähl mir ein Geheimnis. Ich erzähl dir auch eines von mir. Versprich: Du sagst es nicht weiter!".

"Ich fang an!", sagtest Du kurz darauf.

"Ich wollte immer schöner sein, auch als ich noch ganz klein war". Jedes Wort hörte sich an, als ob es einen langen Weg zurückgelegt hatte. Vielleicht von deinem Kopf in deinen Mund über den Umweg einiger Zensurstellen, die es nur gegen Widerstand passieren konnte. Was dabei wohl mit ihm passiert war? Können verletzliche Worte gepanzert sein?

Du erzähltest davon, dass Du den Zopf, den dir deine Mutter abgeschnitten hatte, hinten im Schrank versteckest, vor Jahren, genau an der Stelle wo andere Kinder den Eingang zu einer anderen Welt vermuten. In einer kalten Nacht, sagtest Du, hast du ihn herausgeholt und angezündet, im Garten. Dann das wisse ja jedes Kind: "Hexerei erfordert Opfer".

"Eine Zutat für einen Zauberspruch war das. Ich wollte schöner werden, zauberhaft schön". Du hattest davon gesprochen, wie der alte Zopf knisternd brannte, und es Nacht war, bestimmt schon nach 10 Uhr, und Du hexenböse durch das Rosenbeet gestampft bist. "Das war hinten bei der Regentonne, weißt Du", hattest Du noch lakonisch nachgesetzt, einen Moment auflachend, nur um im nächsten wieder ernst zu werden und schwer zu sprechen. "Ich habe das noch nie jemandem erzählt."

"Jetzt Du", sagtest Du forsch mich ansehend und schnell wegguckend, als wärst Du nicht schon bestimmt über 30, wirklich alt also, so wie ich auch bald.

"Weißt Du, ich mag Windeln", brachte ich heraus, vernuschelt, allein das Wort Windeln überbetont, als zöge es mich herunter, ankergleich, als wäre bereits die Aussprache ein Kraftakt. "Eigentlich schäme ich mich nicht mehr dafür, zumindest in der Anwesenheit der richtigen Personen --", bevor ich den Satz beenden konnte, hattest Du mich unterbrochen, laut ausrufend, "Was soll das denn! Immer diese Abstraktion, Du solltest eine Geschichte erzählen!". Ich konnte nur, irritiert war ich, beobachten, was passiert war. "Die Spiegelregel ist 'Keine Unterbrechung!'", warf ich, die Situation fliehend, schiedsrichterseinwollend, ein.

Warst Du verärgert, als ich weiter sprach? So wie ich eben spreche? (Ich habe doch nur diese Worte; "magst Du mir andere geben?", hätte ich gerne gesagt und dich angeguckt und schnell fortgeblickt).

Und ich wollte fortsetzen, weiter spielen, doch Du warst nicht mehr einverstanden, vielleicht nicht mehr da (stand der Dornröschenzaun noch?). "Ich schäme mich nur noch ab und zu. Doch irgendwie fühlt es sich richtig an, sich dafür zu schämen". "Und manchmal, glaube ich, will ich mich auch schämen", und hätte schon den Blick abgewendet, als ich nachsetze, mit rotem Gesicht, geschützt im Herbsthalblicht: "Bei der richtigen Person." Und traute mich nicht dem Faden weiter zu folgen, den ich so zufällig an deinem Rocksaum gefunden hatte, nutzlos baumelnd.

Wohin er uns geführt hätte?

Ich hätte dich fragen wollen: Weißt Du noch, wie wir über den Zaun geklettert sind, um dann auf dem Schulhof zu stehen und auch nicht zu wissen, was nun? Wie wir vom Sandhügel rannten und fielen bei der Baustelle? Wie Du dumme, alberne, zweifelhafte Spiele spielen wolltest und ich sie spielen konnte, weil Du ja da warst? Und wie ich nervös wurde, kurz nachdem die Spielregeln nicht mehr die Situation regierten?

Hatte ich das gesagt?

(Was hatte ich gesagt? Damals im Kreisel, während die Autos rauschten und der Regen fiel und die Wind blies und wir geschützt waren: Es klingt alles falsch. Ich hätte Phantasien entwickeln wollen, mit dir, wir hätten Worte erfunden und es hätte Metaphern gestürmt, wir hätten die Phantasien anprobiert wie zufällig gefundene Kleidung, die vorher nutzlos in irgendeinem fremden Keller lag; unsicher noch, ob es Kostüme sind, tauglich nur für den Moment, dort wo der Alltag nicht hinscheint. Manche Phantasien hätte ich, wer weiß, bewohnen wollen, irgendwann einmal zumindest probeweise. In andere wären wir gekrochen, wenn Du mich hättest begleiten wollen, und ich hätte an ihre Wände geklopft und gefragt, unsicher des Weges: Weißt Du, wo es weitergeht? Gibt es dort, rechtslang, durch den langen Gang hindurch, nicht noch mehr Räume? Vielleicht hättest Du gesagt: 'Ich will hier anbauen', 'da lang!' oder 'schnell weg!'.)

Ich weiß noch, wie Du geantwortet hast.

"Mir ist doch egal, welche Unterwäsche Du trägst", sagtest Du und schautest mich dabei nicht an.

Dann brach der Regen durch. Unser Kreisel schützte uns nun nicht mehr, wir beide nass, und ich rannte zur Bahn in meine Richtung und Du in die andere. Vielleicht war das keine gute Idee, dir das im Herbststurm zu erzählen, der doch die Aufgabe hat, das Tote von den Bäumen zu tragen, in dem das Nochwarme gegen das Schonkalte kämpft, hier im November oder vielleicht noch im Oktober ("die Trauben aber waren schon geerntet", hättest Du vielleicht gesagt).

Sicher ist, ich habe es gelesen: Erst im Frühling, im ersten warmen Licht, entsteht das Neue.
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ank
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Re: Geschichtenwettbewerb - Abstimmung

von ank » 12.11.2018

Geschichte 3


In einem dunklen Spiegel, durch die Tiefe des Sturms

An diesem Nachmittag im Herbst teilte das Glas der Fensterscheibe die beiden Seiten in zwei distinkte Welten. Lisas Wohnzimmer: warm, gemütlich, beschützt und eine Kanne Tee auf dem Stövchen. Die Welt da draußen: Sturm, Regen, Kälte, das schwindende Licht einer herbstlichen Dämmerung.
Natürlich war Lisa vom Sofa aufgestanden und stand am Fenster, den Blick in den Herbststurm gerichtet. Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie hier schon stand, versunken in die Welt da draußen. Wasser, das an die Fensterscheibe geworfen wurde und in Strömen die äußere Scheibe hinab lief. Wolken, tief wie bei einer Heimsuchung, akzentuiert durch dunkle und noch viel dunklere Grautöne, die bloße Existenz der Sonne vergessen machend. Wind, der stürmisch die Gartenmöbel der alten Dame unten auf den Rasen geweht hatte, die Äste der Bäume peitschte und von Seite zu Seite warf; nach und nach wurden sie mit Vehemenz entkleidet, in den letzten dreißig Minuten waren die Bäume dem Winter näher gekommen als in den letzten dreißig Tagen.
Champion stand – wie um sie zu schützen - auf allen Vieren zwischen Lisa und der Scheibe auf dem Fensterbrett. Das lediglich leichte Wedeln seines Schwanzes wirkte so, als könnte er sich nicht recht entscheiden, ob er sich Sorgen ob des Sturms machte oder doch eher auf das von der zugleich so nahen und doch so fernen Welt trennende Glas vertraute. Ein Blatt der Ahornblättrigen Platane an der Grenze zum Nachbargrundstück tauchte aus dem Tohuwabohu umhergeworfener Natur auf, klatschte gegen die Scheibe und sank, getrieben von den Wasserströmen, langsam - direkt vor ihnen - hinab. Champion tatzte gegen die Glasscheibe, in einer Mischung aus instinktivem Jagdtrieb und dem Wissen, dass auch hier das Glas sie auf zwei unterschiedliche Welten aufteilte. Ein wenig belustigt streichelte Lisa ihrem Kater das Köpfchen und als er es ihr erwartungsvoll entgegenstreckte kraulte sie ihn sanft.

Lisa hatte keine Angst, wenn es stürmte. Der Sturm war nur draußen mächtig, und auch wenn er dort mit Gefahren verbunden war nahm er alles mit sich, was Lisa Angst machte. Er bildete einen Kokon, ein Schutzschild, er wehrte ab, alles was da war. In dieser geschützten Innenwelt waren nur Lisa und ihr Kater, ein Sofa, ein kleines, wackeliges Kaffeetischchen mit dem Stövchen, ein Schreibtisch mit ihrem alten Klavierhocker und ein Bücherregal voller Fluchtpunkte. Nur diese ihr so bekannten Dinge… – was auf der einen Seite eine Erleichterung war. Eine Leerstelle blieb jedoch, dort im Raum, tief in ihrem Herzen, eine Leerstelle, die sich nicht füllen lassen würde, sich über all die Jahre nicht hatte füllen lassen trotz allem seinem ihr so willkommenen und sie zugleich so abschreckenden Drängen, sich wohl niemals würde füllen lassen. Weil die Welt, weil ihr Kopf nicht ständig von einem Herbststurm umgeben war, war er verloren gegangen und zu einem nutzlosen Abziehbild ihrer innersten Wünsche geworden.
Auch als grollendes Rauschen durch die Welt dort draußen ging ängstigste Lisa sich nicht. Ein Windstoß, ein Wirbel, ein Fauchen, ein Heulen der Fensterdichtungen, ein Aufsteigen und Umherwirbeln von Luft und Blättern und Wasser zwischen den Bäumen dort unten auf dem Rasen, beängstigend wie die neun Reiter der Apokalypse. Doch dann, wie niedergerungen von umso mehr Wind und Sturm und Wasser, beinahe Stillstand im Garten. Nur am Haus zerrte von irgendwoher der Sturm. Und dann: Ein Blitz, die Dunkelheit für einen viel zu kurzen Moment erhellend. Und dann: Ein Donner.

„Komm!“ Nur der Sturm machte es möglich, dass sie nicht alleine war. Nur der Sturm befreite sie davon, dass der Gedanke an ihn nicht wehtat. Nur der Sturm brachte ihn her, sie sah ihn hinter sich in der Fensterscheibe wie in einem Spiegel, wenn auch immer noch in rätselhafter Gestalt.
Er kam ihr nahe, stellt sich hinter sie, blickte gemeinsam mit ihr hinaus in den Sturm, in die Welt, die ihn hier, heute Nachmittag, geschaffen, ja: ermöglicht hatte. Er umschlang sie mit seinem kräftigen, linken Arm und seinen Atem glaubte sie – ganz leicht nur – auf ihren Haaren zu spüren. Sie lehnte sich an seine Brust, während er mit seiner rechten Hand über den Rücken des Katers streichelte. Champion machte einen genießerischen Buckel und stellte den Schwanz hoch in die Luft. Niemandem außer ihr, und erst recht kein Mann sonst, würden jemals in der Lage sein, dem gestromerten Tiger so viel Vertrauen abzuringen, glaubte sie. Wie ein letztes Zeichen, dass auch Champion von der Richtigkeit ihrer Gefühle überzeugt wäre.
Er hielt sie immer noch fest, wie als würde er nie wieder weggehen. Doch seine rechte Hand fuhr nun über ihren Hinterkopf, durch ihr Haar. Genießerisch schloss sie die Augen und streckte ihren Nacken durch. Wieder und wieder strich seine Hand sanft über ihren Kopf, dann stiegen seine Finger langsam an ihrem Nacken hinab. Es war wie als sei sie nackt, immer tiefer strich er über ihren Rücken. Sanft fuhr er über ihre Schulterblätter und dann immer weiter hinab. Seine rechte Hand legte er vorsichtig auf ihre knochige Hüfte und dann… dann tätschelte er sanft das weiche Polster auf ihrem Po, fuhr über den Stoff ihrer Windel, immer und immer wieder. Schließlich zog er sie nur um so fester an sich heran, vorsichtig strich er auch vorne über ihre Windel, um ihr zu zeigen, dass er es war, denn nur ihm war es erlaubt. Sie fiel endgültig in seine Arme, verschränkte ihre vor der Brust und ließ sich von ihm umschlingen, als er sie sanft, aber entschieden, an sich drückte, als gelte es eins zu werden. Er bestimmte, wo sie war, seine starken Arme fixierten ihre Arme in einer Geste des Schutzes. Es machte ihr keine Angst, er wurde geradezu die Glasscheibe, die für sie nun endgültig und dauerhaft die gute Welt innen von der Welt dort draußen trennte. Sie legte ihren Kopf an sein Schlüsselbein und überließ ihr ganzes Sein ihm. Und nur ihm.
„Du bist mein.“

Als der Tag langsam verschwand und der Nacht wich, brauchte sie einen Moment, um sich im Glas, durch das sanfte Licht ihrer Stehlampe zu einem dunklen Spiegel geworden, wiederzuerkennen. Sich selbst – allein. „Ich werde dir jetzt eine neue Windel anziehen“ würde sie nicht hören, auch wenn sie sich in diesem Moment nichts sehnlicher wünschte, als dass er jetzt hier für sie da war.
In diesem Moment wusste sie, dass ihr Leben verlangte, dass sie hinaus ginge - in den Sturm sozusagen. Was konnte ihr schon passieren, vielleicht würde sie nass werden da draußen. Aber war das so schlimm?
Sie nahm ihr Tagebuch und schrieb:

14.10.2018, der Tag nach meinem 25. Geburtstag
Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte ich wie ein Kind, überlegte ich wie ein Kind. Heute habe ich dich gesehen, dich, der du meinen Gedanken bis in die tiefsten Tiefen des Sturmes folgst. Bei dir wünsche ich mir weiter zu reden wie ein Kind, zu denken wie ein Kind, zu überlegen wie ein Kind. Gestern und heute bin ich erwachsen geworden und noch sehe ich dich nur wie eine wundersame Gestalt in einem dunklen Spiegel. Dann aber, wenn das Kind mit der Erwachsenen endgültig eins geworden ist, werden wir uns von Angesicht zu Angesicht begegnen.
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Captain Felix
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von Captain Felix » 25.11.2018

Liebe Kuddelmuddels,

wir würden gerne allen von euch die Gelegenheit geben, die Geschichten zu lesen und an der Abstimmung teilzunehmen. Daher haben wir die Frist bis zum Abstimmungsende um eine Woche nach hinten verlegt. Also: Nix wie ran!

Viele Grüße,

Felix :)

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Traumtänzer
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von Traumtänzer » 26.11.2018

Hui - die Spannung steigt *hihi* :)
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von linus » 02.12.2018

Endspurt, liebe Kuddelmuddels,
Noch sechs Stunden Zeit um für eure Lieblingsgeschichte abzustimmen.
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Georg
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von Georg » 02.12.2018

Die Zeit ist um!

Ich habe die Geschichten vorige Woche schon einmal gelesen und bin zu keiner Entscheidung gekommen.

Heute habe ich sie noch einmal gelesen. auch danach ist mir die Wahl weiterhin schwer gefallen. Denn ich finde alle drei Geschichten- so verschieden sie sind - sehr gut erzählt.

Schließlich habe ich die Geschichte gewählt, die mich am meisten daran erinnert hat, daß ich doch dicht am Wasser gebaut habe.

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Baumkind
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von Baumkind » 02.12.2018

Danke für die Geshichten und den Wettbewerb.

Die Geschichten 2 und 3 nehmen sich für mich nichts in der Qualität, auch wenn es unterschiedliche Schreibstile sind.

Beide Geschichten sind phantasievoll und haben eine stimmungsvolle Atmosphäre.

Die zweite wähle ich als meine Siegerin aus, weil sie meine Phantasie mehr beflügelt hat und mehr Spielraum für den Fortgang erlaubt. Aber diese Entscheidung ist schwer gefallen und nur nötig weil ich auf eine Stimme beschränkt bin. Eigentlich müssten beide Geschichten je einen Punkt von mir bekommen, weil sie gleich gut sind.

Toll gemacht!

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ank
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von ank » 04.12.2018

Der Geschichtenwettbewerb ist vorbei. Vielen liebe Dank an Eckensteher (Geschichte ohne Titel), giaci9 (Herbststurm) und Traumtänzer (In einem dunklen Spiegel, durch die Tiefe des Sturms).

Gewonnen hat giaci9s Geschichte - Herbststurm.
Herzlichen Glückwunsch giaci9.


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Traumtänzer
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Re: Jetzt abstimmen: Geschichtenwettbewerb "Herbststurm"

von Traumtänzer » 10.12.2018

Baumkind hat geschrieben:Die Geschichten 2 und 3 nehmen sich für mich nichts in der Qualität, auch wenn es unterschiedliche Schreibstile sind.

Beide Geschichten sind phantasievoll und haben eine stimmungsvolle Atmosphäre.

Die zweite wähle ich als meine Siegerin aus, weil sie meine Phantasie mehr beflügelt hat und mehr Spielraum für den Fortgang erlaubt. Aber diese Entscheidung ist schwer gefallen und nur nötig weil ich auf eine Stimme beschränkt bin. Eigentlich müssten beide Geschichten je einen Punkt von mir bekommen, weil sie gleich gut sind.


Vielen Dank! :)

Die zweite Geschichte hat mich auch sehr beeindruckt. Ich erinnere an einige augenöffnenden Metaphern und ein wirklich tolles Sprachgefühl. Ich muss aber auch noch ein dritte und ein viertes Mal lesen und kann dann vielleicht auch direkt bei der Geschichte nochmal kommentieren.
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